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Richard von Volkmann-Leander - Die künstliche Orgel

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Richard von Volkmann-Leander - Die künstliche Orgel.

Vor langen, langen Jahren lebte einmal ein sehr geschickter junger Orgelbauer, der hatte schon viele Orgeln gebaut, und die letzte war immer wieder besser als die vorhergehende. Zuletzt machte er eine Orgel, die war so künstlich, daß sie von selbst zu spielen anfing, wenn ein Brautpaar in die Kirche trat, an dem Gott sein Wohlgefallen hatte. Als er auch diese Orgel vollendet hatte, besah er sich die Mädchen des Landes, wählte sich die Frömmste und Schönste und ließ seine eigene Hochzeit zurichten. Wie er aber mit der Braut über die Kirchschwelle trat und Freunde und Verwandte in langem Zuge folgten, war sein Herz voller Stolzes und Ehrgeizes. Er dachte nicht an seine Braut und nicht an Gott, sondern nur daran, was er für ein geschickter Meister sei, dem niemand es gleich tun könne, und wie alle Leute staunten und ihn bewundern würden, wenn die Orgel von selbst zu spielen begönne. So trat er mit seiner schönen Braut in die Kirche ein …

Amélie Godin - Prinzessin Kornblume

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Amélie Godin - Prinzessin Kornblume



In einem Dorfe, das, von Feldern und Wiesen umgeben, hart an der Landstraße lag, wohnte ein armes Waisenkind. Der Vater des kleinen Mädchens starb schon, als es noch so jung war, daß es sich seines Gesichtes gar nicht mehr erinnern konnte und, was noch schlimmer war, es kannte nicht einmal den Namen seiner Eltern. Die Mutter war nach langer Wanderschaft todkrank mit ihm in jenem Dorfe angekommen, hatte eine Herberge ausgesucht und war noch in derselben Nacht gestorben, ohne sagen zu können, woher sie kam und wie sie hieß. Die Dorfgemeinde hatte gar keine Freude an dem fremden kleinen Kinde und wäre es gern wieder los gewesen. Da aber die eingezogenen Erkundigungen ohne Erfolg blieben, mußte man sich wohl darein schicken, das kleine Ding zu behalten, — es konnte doch nicht hilflos in die Welt hinausgestoßen werden. Der Dorfschulze brachte also Settchen bei einer alten tauben Frau unter, die ihr ärmliches Lager mit ihr teilte und ihr Obdach gab, wo für…

Lisbeth Lindemann - Frühlingsnacht

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Frühlingsnacht von Lisbeth Lindemann



»Ich verstehe Dich nicht«, sagte die Kröte mit den grossen gelben Augen zu der kleinen Brunnennixe, »ich verstehe Dich nicht. Wir sitzen hier so angenehm kühl und nass und haben es so ausserordentlich gut. Du hättest alle Ursache, sehr zufrieden zu sein. Aber sobald durch die Thürritze oben das dumme, weisse Licht scheint, bist Du nicht mehr zu halten!«
»Es ist herrlich da oben, komm doch mit —«
»Das sollte mir fehlen! Aus dem Herumgegucke und Geseufze kommt nie was Gescheidtes heraus. So was ist unnatürlich. Mit Deiner Nixenhaftigkeit ist’s so schon nicht weit her, sonst hättest Du einen schönen, schillernden Fischschwanz — na, ich will nichts gesagt haben. Aber sollte da mal ein Mensch in die Nähe kommen, wird’s was Schönes geben, das kannst Du mir glauben.«
»Was ist das: ein Mensch?«
»Frag’ den Mond, der wird’s schon wissen!«
Das Nixchen stieg herauf, setzte sich auf den Brunnenrand und sah den Mond so sehnsüchtig und fragend an, dass dieser ganz verl…

Anna Croissant-Rust - Der Storch

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Anna Croissant-Rust - Der Storch




In den Hof eines grauen Hauses, daß in einer rußigen Fabrikstadt stand, fiel eines Tages ein Storch herab. Das Enten- und Hühnervolk, das sich schnatternd und gackernd im Hof herumtrieb, stob erschrocken auseinander und hub ein großes Geschrei an. Als es aber sah, daß der große Vogel mit ausgebreiteten Flügeln regungslos auf dem schmutzigen Grund des Hofes liegen blieb, kamen Huhn und Ente wieder näher, und das Gegacker und Geschnatter begann aufs Neue, nur war es jetzt ein zorniges, entrüstetes.
Was that dieser fremde, weiße Vogel in ihrem Hof? Und da er sich nicht rührte, sondern mit geschlossenen Augen liegen blieb, stocherten sie an ihm herum und begannen auf ihn einzuhacken. Da kam der Herr des Hofes und nahm den selten gesehenen, kranken Vogel mit ins Haus und pflegte ihn. Er hatte eine Schußwunde am Bein, die ihm wohl böswillig im Fluge beigebracht worden war, darum war er in den schmutzigen Hof niedergesunken. Die Wunde heilte wieder, und nachdem…

Carmen Sylva - Das Leiden

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Das Leiden
Ein Märchen von Carmen Sylva

                                                                     Motto: Es giebt zwei himmlische Mächte: 
                                                                    Geduld und Arbeit.
                                                                                                               Scherr.

Das Leiden war ein schönes, schlankes Kind, mit schwarzen Haaren, die sein bleiches Gesicht umrahmten. Die feinen Lippen waren fast immer geschlossen, die schwarzen Augen so todestraurig, daß Niemand sie ansehen konnte, ohne zu weinen. Das arme Kind hatte keine Heimath und wanderte ruhelos von Ort zu Ort. Bald kehrte es in die Hütten der Armen ein, bald in die Paläste der Reichen. Es war so still und kummervoll, daß Alle es aufnahmen, aber sonderbar, wer es ansah, der wurde von einem furchtbaren Weh befallen. Der Eine verlor sein einziges Kind, der Andere seine Ehre, sein Hab und Gut, der Dritte wurde von seinen Feinden unschuldig verfolgt; w…

Peter Hamecher - Das Märchen vom Tod

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DAS MÄRCHEN VOM TOD.
Es war zur Zeit, als die Menschen sich noch nicht balgten und drängten um ein armseliges Fleckchen Erde, darauf sie stehen könnten, und der Tod noch nicht als Würgengel, sondern als Freund und in sanfter Lieblichkeit wie der Traumgott sich den müde und ablebig gewordenen nahte . . . Da zog der Tod eines Tages über die Erde, um zu sehen, was zur Sichelmahd gereift sei. Wie ein schöner freundlicher Königsknabe war er anzuschauen, wie er daherritt. Ein schwarzer Sammetmantel fiel bauschend von seinen Schultern nieder bis über das Hinterteil seines Pferdes. Um seine Stirn spannte sich ein schmaler Silberreif. Das Pferd ging langsam gemächlichen Trott; denn die Zügel ruhten lässig in der Hand des Reiters. Das Tagwerk des Todes war getan. Sorglos blühendes Leben hatte er gesehen, das sich noch nicht nach seiner Umarmung sehnte. Und einer Allen, die schwer unter der Last ihrer Jahre keuchte, hatte er mitleidig die Bürde von dem verkrümmten Rücken genommen. Nun zog er auf se…

Elsbeth Montzheimer - Was Hannchen im Walde erlebte.

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Was Hannchen im Walde erlebte.

Hannchen, das Kind einer armen Witwe, mußte eines Tages einen Botengang in das Nachbardorf tun.
Das Osterfest war nahe, darum beeilten sich Baum und Strauch, ihre grünen Knospen zu entfalten, dazu zwitscherten die Vögel muntere Frühlingslieder.
Hannchen beachtete all dieses Frühlingsweben, denn sie war ein aufgewecktes Kind, das viel Sinn für Gottes schöne Natur hatte. Als sie den Wald erreichte, galt es, auf den Weg zu achten. Eilig schritt sie weiter.
Da hämmerte der Specht in einer Buche und rief dazu:


»Käferlein, Larven, kommt schnell heraus!
Möchte euch haben zum Osterschmaus!«


Doch Hannchen mußte weiter. Aber siehe da: In einem Haselbusch hüpfte ein Fink, der mit drollig schnarrendem R vergnüglich zwitscherte:


»Trief, trief, trief,
Lenz lang schlief,
Doch jetzt holleria —
Preis ihm! Er ist da!«


Hannchen zog ihr Vesperbrot hervor und streute dem Vöglein Bröckchen hin, ehe sie weiter ging.
Nicht lange, so erblickte sie eine reizende Blaumeise, der sie ebenfalls i…