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Peter Hamecher - Das Märchen vom Tod

Gustav Klimt -Tod und Leben


DAS MÄRCHEN VOM TOD.

Es war zur Zeit, als die Menschen sich noch nicht balgten und drängten um ein armseliges Fleckchen Erde, darauf sie stehen könnten, und der Tod noch nicht als Würgengel, sondern als Freund und in sanfter Lieblichkeit wie der Traumgott sich den müde und ablebig gewordenen nahte . . .
Da zog der Tod eines Tages über die Erde, um zu sehen, was zur Sichelmahd gereift sei. Wie ein schöner freundlicher Königsknabe war er anzuschauen, wie er daherritt. Ein schwarzer Sammetmantel fiel bauschend von seinen Schultern nieder bis über das Hinterteil seines Pferdes. Um seine Stirn spannte sich ein schmaler Silberreif. Das Pferd ging langsam gemächlichen Trott; denn die Zügel ruhten lässig in der Hand des Reiters.
Das Tagwerk des Todes war getan. Sorglos blühendes Leben hatte er gesehen, das sich noch nicht nach seiner Umarmung sehnte. Und einer Allen, die schwer unter der Last ihrer Jahre keuchte, hatte er mitleidig die Bürde von dem verkrümmten Rücken genommen. Nun zog er auf seinem Rösslein sinnend des Weges.
In der Ebene, die er durchquerte, stand ein Haus, stattlich und leuchtend, mit Säulen und breiten Türbogen, ganz aus weissem Marmor erbaut. Wie Feuersbrunst spiegelte sich die sinkende Sonne in der glänzenden Fläche, die dem einsamen Reiter zugekehrt war. Als er dem Hause nahe kam, stürzte lachend und jubelnd eine Kette junger Menschen aus den Türen und verstellte ihm den Weg. Einer griff dem Pferde in die Zügel und bedeutete dem ob solcher Aufhaltung erstaunten Fremdling, dass er, gutwillig oder nicht, absteigen müsse, um im Schlosse der Jugend zu Gast zu sein. Wenn sie auch die Schönsten und Adligsten des Landes zu ihrem Kreise zählten, so hätten sie doch nie einen Jüngling von edlerer Anmut gesehen als ihn.
Kaum widerstrebend liess der Tod sich entführen, und bald sass er mit den andern epheubekränzt zur Tafel, der Schönste und Jugendlichste im Ringe erlesener jugendlicher Schönheit, die, wie alljährlich, im Schloss der Jugend das Dankfest des Frühlings feierte.
In stiller Fröhlichkeit sass der Tod bei den Menschenkindern. Da fühlte er einen Blick lange und zehrend auf sich ruhen. Eine der Jungfrauen konnte die Augen nicht von ihm lassen, so war sie gebannt von seinen schwarzen Augensternen, die ihr geheimnisvoll und anziehend dünkten wie brunnentiefe Schächte, auf deren Grunde Edelgestein funkelt. Nach einer Weile erhob sich der Tod und er befahl der Jungfrau mit seinen Blicken, dass sie ihm folgen musste zur Verschwiegenheit eines nachtrauschenden Haines. Dort hielt er sie in seinen Armen und herzte und küsste sie und raunte ihr Worte zu, Liebesworte, herrlich und dunkel wie das Leuchten seiner Augen.


In dieser Nacht stand der Tod vor dem Throne Gottes und heischte Urlaub. Er wollte zurück zu dem Menschenkind, das seine Schwarzaugen so liebte. Da lächelte Gott: »Gut! Fünf Jahre! Dein Amt mag ruhen unterdessen! Ich gebe dir diesen Urlaub. Fünf Jahre magst du dich deiner Menschenblume erfreuen. Du magst bei ihr liegen und sie herzen und küssen wie dichʼs gelüstet. Wenn aber die Frist verstrichen ist, sollst du selber sie mit einem letzten Kusse töten und sie in meinen Garten bringen.«
Das schien dem Tod ein preiswerter Handel.
Als der Morgen graute, stand er vor dem Lager des Mädchens, das er liebte. Er sagte ihr, er sei ein Königssohn, fern her, vom Aufgang der Sonne; und er hiess sie, sich zu ihm in den Sattel schwingen und mit ihm reiten in sein Reich. Und sie zog mit ihm, und nach manchen Tagen kamen sie in ein Land, dessen Thron verwaist war. Hier herrschte der Tod mit seiner Liebsten fünf selige Jahre lang; ihrem Glück aber deuchten die Jahre wie der Taumel einer einzigen Liebesnacht.
Als nun die Stunde nahe war, wo er am eigenen Weibe die Henkerpflicht vollziehen sollte, haderte der Tod mit Gott um die Erfüllung des Vertrages. Der Ewige aber blieb bei seinem Willen und er drohte dem Tode mit jenen Strafen, mit denen er Luzifer samt seiner hochfahrenden Schar gezüchtigt hatte. Da sah der Tod, dass jegliches Feilschen und Flehen vergeblich sei, und sein Herz tobte und raste in der Qual der bevorstehenden Abschiedsstunde. Aber er bezwang sich um seines Weibes willen.
Dann kam der letzte Tag. Der Tod nahm die geliebte Frau in den Arm und schritt noch einmal mit ihr hinaus in das lichtatmende Frühlingsland. Er sagte ihr nichts von dem, was bevorstand. Sie aber war voll Seligkeit, denn sie wusste nicht, dass der Tod es war, dem sie sich vermählt hatte. So besuchten sie noch einmal alle die Plätze, über denen Erinnerungen gemeinsamen Glückes träumten. Als sie aber an die Stätte kamen, wo sie vor Jahren zuerst den Grund ihres Reiches betraten, umarmte der Tod seine Gattin und küsste sie zum letztenmal, verschmachtend und gierig. Eine Welle seltsamer Wollust ergoss sich durch ihren Körper, während ihre brechenden Augen das Bild des geliebten Mannes, das ihr langsam zu entschwinden schien, festzuhalten suchten. Sanft liess der Tod den erstarrenden Körper niedergleiten. Dann nahm er die Seele und trug sie, aufschwebend mit starken Schwingen, die sich von seinem Gewande losfalteten, empor vor Gottes Thron.
Zur Nacht kehrte er in aller Heimlichkeit in sein Land zurück. Seine Seele war erstarrt in der Qual des ungeheuren Erlebens. Seine Züge waren fahl und verunstaltet. In seinen Augenwinkeln hockten Verzweiflung und Hass. Und sein Atem ging von ihm aus wie Gifthauch, der tötet. Er band sein schnellstes Ross, ausgreifender und flüchtiger als der Sturmwind, von der Krippe. Und aus der Rüstkammer nahm er das gehässigste und gierigste seiner Schwerter. Und ehe noch die Sterne am Morgenhimmel verloschen, stürmte er davon. In wenigen Stunden war sein Königreich nur noch eine ausgebrannte Sandwüste, so verdorrte alles Leben und zerfiel wie Zunder, wenn es der Pesthauch seines Mundes traf. Und nun raste er, vom Schmerz verzehrt zum scheußlichen Gerippe, auf seiner klapperdürren Mähre durch die Länder, und was ihm über den Weg lief, würgte seine Hand oder frass sein Schwert. Die Menschen aber zitterten, wenn sie seinen zerfetzten Mantel nur in der Ferne am Himmelsrand flattern sahen.


Damals begann das grosse Würgen auf der Erde, und Seuchen, Kriegsgreuel und Uebeltaten häuften sich.

Aus: Bild und Traum, Gedichte von Peter Hamecher, Wegwalt-Druck Nr. 1, Wegwalt-Werkstatt, Wilhelmshagen, 1911

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