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Johanna Siebel - Vom Seegestade

Franz von Stuck - Wind und Welle (unvollendet)
Vom Seegestade.

»Ich habe dich lieb,« sagte die blinkende Welle zum harten Stein und leckte kosend und goldig in unermüdlich zärtlichem Werben an ihn heran.
»Ich aber mag dich nicht,« erwiderte der graue Felsblock grob und schüttelte unwirsch immer wieder das werbende im Sonnenlichte zuckende, Garben schießende Wellengeriesel ab.
Da sprühte die Welle ihr blinkendes Wasser drohend und übermütig zugleich im himmli-schen Strahlenschein und raffte gekränkt ihr milchweißes Mäntelchen zusammen: »Grober Block,« zürnte sie, »deine Sprache verletzt mich; ich werde mich rächen. Und hing ich anhin aus Liebe mein fürstlich Geschmeid um dein graues Gestein, so tu’ ich’s fürder aus Haß; mein Haß aber wird dich zerstören.«
Und in tosendem Jauchzen klatschte die Welle ihre zornfunkelnden Wasser mit dem sprühenden Gischt gegen und über den Stein und leckte und nagte und nagte und leckte in rastlosem Tun an seinem starren Gebilde. Der Stein wehrte sich.
Jahre kamen, Jahre vergingen; da wurde er müde und mürbe vom vergeblichen Kampfe und zerfiel.
Die strahlende Welle aber spielte weiter im goldenen Lichte der Sonne. - -
Aus: Johanna Siebel, Parabeln und Gedichte, Verlag von Josef Singer, Straßburg, 1906
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