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Johanna Siebel - Einmal klopfte das Glück an ihr Fenster (Parabel)

Edgar Germain Hilaire Degas - Tänzerin mit Blumenstrauß
Einmal klopfte das Glück an ihr Fenster und schaute sie an mit tiefen strahlenden Augen und der holde Mund lächelte in süßer geheimnisvoller Verheißung und die schlanken Hände winkten. Winkten ihr, die in einem lichtlosen Winkel saß und mit großen staunenden Blicken das Wunder anstarrte, das Glück, das bei ihr Einlaß begehrte.
Da aber ihre Seele vom dumpfen Druck langer Jahre stumpf geworden und ihr Geist sich zerrieben im quälenden Warten der leeren Zeit, so dauerte es eine kleine Weile, bis die sonnenentwöhnten Sinne das hohe Wunder zu fassen vermochten. Und wie ihrem blöden ungläubigen Verstande das Verstehen dämmerte, daß dort, an ihrer armen Kammer das Glück bereit stehe für sie, und wie sie nun die geschlagenen Glieder scheu und mühsam aus dem dunkeln Winkel erhob und die Arme in einem plötzlich überheiß gewordenen Hunger der Lichterscheinung entgegendehnte, wie sie mit zitternden Händen den Riegel schob, um der heischenden Seligkeit Einlaß zu verschaffen, und mit einem wirren Entzücken stammelte: "Komm! komm! ich wartete auf Dich in Marter und Sehnsucht, ich darbte nach dir, so lange ich denke; die Not war groß!" siehe! da war das Glück verschwunden von dem Fenster, an welches es Einlaß begehrend gepocht.
Glück auf seinem goldenen strahlenden Siegeszuge ist nicht gewöhnt, auch nur eine kleine Zeit zu harren, bis man ihm aufmacht.

Aus: Johanna Siebel, Parabeln und Gedichte, Verlag von Josef Singer, Straßburg, 1906
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