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Es werden Posts vom 2010 angezeigt.

Eliza Orzeszkowa – Blumenhochzeit

Es war ein Tal, rings eingeschlossen von Hügeln, welche mit leichten, dünn gepflanzten Föhren bestanden waren, und das Tal hatte nur eine Öffnung nach außen, auf die weite Welt, gleichsam ein Tor, durch welches man auf die Felder, Stege und den durch die Ferne getrübten Himmel hinausblicken konnte. Ringsum gekrümmte Wände voller Zacken und Klüfte, überzogen mit einer Bürste von nadelförmigen Stämmen auf blättrigem, gemustertem Grunde. Auf der Talsohle befand sich eine kleine runde Wiese, auf dieser einige verstreute Bäume und Sträucher, eine Menge Gräser und Blumen. Im ganzen ein verborgenes Winkelchen der Welt, still, bescheiden, enge ... Kaum zu glauben, daß da etwas Merkwürdiges vor sich gehen könnte, und doch war dem so.
In einer Juninacht geschah es, in einer heiteren, stillen und dunklen Nacht. Still war die Nacht, denn alle Winde und Windchen schliefen einen tiefen Schlaf; dunkel, denn der Juni, das ist nicht der August, der den nächtlichen Himmel mit einer ungeheueren Menge ung…

Johanna Siebel - Vom Seegestade

Vom Seegestade.

»Ich habe dich lieb,« sagte die blinkende Welle zum harten Stein und leckte kosend und goldig in unermüdlich zärtlichem Werben an ihn heran.
»Ich aber mag dich nicht,« erwiderte der graue Felsblock grob und schüttelte unwirsch immer wieder das werbende im Sonnenlichte zuckende, Garben schießende Wellengeriesel ab.
Da sprühte die Welle ihr blinkendes Wasser drohend und übermütig zugleich im himmli-schen Strahlenschein und raffte gekränkt ihr milchweißes Mäntelchen zusammen: »Grober Block,« zürnte sie, »deine Sprache verletzt mich; ich werde mich rächen. Und hing ich anhin aus Liebe mein fürstlich Geschmeid um dein graues Gestein, so tu’ ich’s fürder aus Haß; mein Haß aber wird dich zerstören.«
Und in tosendem Jauchzen klatschte die Welle ihre zornfunkelnden Wasser mit dem sprühenden Gischt gegen und über den Stein und leckte und nagte und nagte und leckte in rastlosem Tun an seinem starren Gebilde. Der Stein wehrte sich.
Jahre kamen, Jahre vergingen; da wurde er müde und mür…

Johanna Siebel - Einmal klopfte das Glück an ihr Fenster (Parabel)

Einmal klopfte das Glück an ihr Fenster und schaute sie an mit tiefen strahlenden Augen und der holde Mund lächelte in süßer geheimnisvoller Verheißung und die schlanken Hände winkten. Winkten ihr, die in einem lichtlosen Winkel saß und mit großen staunenden Blicken das Wunder anstarrte, das Glück, das bei ihr Einlaß begehrte. Da aber ihre Seele vom dumpfen Druck langer Jahre stumpf geworden und ihr Geist sich zerrieben im quälenden Warten der leeren Zeit, so dauerte es eine kleine Weile, bis die sonnenentwöhnten Sinne das hohe Wunder zu fassen vermochten. Und wie ihrem blöden ungläubigen Verstande das Verstehen dämmerte, daß dort, an ihrer armen Kammer das Glück bereit stehe für sie, und wie sie nun die geschlagenen Glieder scheu und mühsam aus dem dunkeln Winkel erhob und die Arme in einem plötzlich überheiß gewordenen Hunger der Lichterscheinung entgegendehnte, wie sie mit zitternden Händen den Riegel schob, um der heischenden Seligkeit Einlaß zu verschaffen, und mit einem wirren En…

Paula Dehmel - Vom Nacktspielen

Gestern freute ich mich sehr. Förster Fröhlich kam mit Erich und Marie zu Besuch. Erst gabs Kaffee mit frischen Waffeln, dann spielten wir Versteck auf dem Hof und Brückenmännchen; das war lustig.
Nachher gingen wir auf die Wiese und machten Kränze aus Gänseblümchen und lange Ketten von Nußblättern; damit putzten wir unsre Haare und Kleider. Aber ich sagte: Wißt ihr was? das Spiel muß viel hübscher sein, wenn wir nackend sind. Und wir liefen hinter das Gartenhaus, wo uns niemand sehn konnte, und zogen uns aus.
Unsre Kränze hingen wir uns um den Hals und um die Schultern, und dann faßten wir uns an und gingen in der Sonne spazieren. Wir spielten alte Griechen. Erich war der Prinz Paris und sollte der Schönsten einen Apfel schenken. Er fand uns aber alle beide am schönsten und aß den Apfel selber auf; da mußten wir sehr lachen.
Plötzlich kam meine Mutter. Sie sah ganz erschrocken und zornig aus. Schämt ihr euch denn nicht, ihr großen Kinder, sagte sie; sofort zieht ihr euch wieder an!
Die k…

Ludwig Aurbacher - Ferien-Reise

Die Familie hatte beschlossen, die ersten September- Tage, welche im südlichen Bayern, ungeachtet des sonst rauhen Klima’s, gewöhnlich einen heitern, freundlichen Charakter annehmen, auf dem Lande und zwar im Gebirge zuzubringen. Man hatte die Gegend gewählt, welche in frühern Zeiten die Grafschaft Werdenfels geheißen, und die, wie wenige Landschaften, das Freundliche, Heimliche, Idyllische zugleich mit dem Grandiosen und Majestätischen der Natur vereiniget. In Garmisch, einem Orte, der, mitten im Thale wohl gelegen, die freie Räumlichkeit eines Dorfes und zugleich die Bequemlichkeit eines Städtchens darbietet, hatte ihnen ein Freund eine Wohnung besorgt, welche die zahlreiche Familie wohl aufnehmen konnte, dergestalt, daß die Frauen ihr Hauswesen selbst auf leichte und wohlfeile Weise zu besorgen vermochten. Man vermißte nur das Angewohnte, Zierliche des heimischen Herdes, nicht aber das Bequeme, Naturgemäße. Die ersten zwei, drei Tage hatte man in jener süßen Betäubung, in jenem träu…

Ilse Frapan – Hans Tapp in Mus

Ja, daher hatte er seinen Namen! Und er machte ihm Ehre, das muß wahr sein. Und wie er ihn bekam, das ist leicht erzählt.

Er war drei Jahre alt damals. Auf dem Tische stand eine mächtige Schüssel Buchweizengrütze, wie ein grauer Berg in einem See von weißer Milch. Aller Augen hafteten begehrlich darauf, aber es gab noch nichts; die Mutter rief erst um den Tisch: »Seid ihr alle sauber?« Und als acht Hände zur Beköstigung in die Höh gereckt wurden, bemerkte sie, daß der Inhaber des kleinsten Paars Fäuste ein schwarzes Schnäuzchen hatte.

»Hans!« rief sie, »komm herüber, daß ich dir erst die Nase putze.« Da richtete er sich auf und nahm stramm und ernsthaft den geraden Weg über den Tisch, und da der Grützbrei just in der Mitte stand, konnt er's nicht vermeiden, auch hindurch zu gehen, blieb aber mit einem Zeh darin stecken; verlor das Gleichgewicht und fiel der Mutter kopfüber in den Schoß. Das gab ein Gekreisch.

»Nu nu,« sagte die Mutter, »da bist du freilich, aber das nenn ich einen…